Hauptkommissarin Susanne T. im Gespräch mit Klaus-Peter Wolf

Hauptkommisarin Susanne T., 41, traf Klaus-Peter Wolf. Da sie als verdeckte Ermittlerin arbeitet, erscheinen Foto, voller Name und Ort hier nicht.

F: Sie waren mit Ihrer Ostfriesenangst ein halbes Jahr in der SPIEGEL-Beststeller-Liste, davon 10 Wochen unter den ersten 10. Kann so eine Bestseller-Autor sich jetzt nicht einen Profi-Sprecher, einen Schauspieler leisten? [Klaus-Peter Wolf liest seine Hörbücher selbst, Anm. d. Red.]

A: Nein, das kann ich mir nicht leisten – mein Publikum wäre böse mit mir. Es soll so klingen, wie sie mich live in meinen Veranstaltungen erleben.

F: Ist Ihr Publikum nicht böse, wenn Ihr Sprach-Sound weniger an Küstenfolklore erinnert als an Gelsenkirchener Barock?

A: Ich will hier keine Spuren verwischen. Wie meine Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen und viele andere, die aus dem Ruhrpott nach Ostfriesland kamen, stamme auch ich von dort und lebe jetzt hier in Norden.

F: Sie haben erstaunliche Kenntnisse über die Strukturen, Arbeit und aktuelle Ermittlungsmethoden der Polizei. Haben wir eine undichte Stelle?

A: Die Zusammenarbeit mit der Kripo ist in der Tat für mich sehr gut. Ich würde das nicht undichte Stelle nennen. Vielleicht spüren die Kripobeamten einfach, dass sie bei mir als Personen ernst genommen werden und nicht als Knallchargen herhalten. Ich habe nie Probleme, Auskünfte zu bekommen, zum Beispiel vom Ausbilder der Profiler beim BKA oder dem Fachmann für Spurensicherung. Der Chef der ostfriesischen Kripo, Hans-Jürgen Bremer kommt sogar zu meinen Veranstaltungen und nimmt an den Premieren teil. Er hat meine Romane gelesen und dazu eine klare Meinung.

F: Eins wundert mich allerdings. Ihre Ann Kathrin Klassen lässt sich da schon mal einmauern oder legt ihre Hände auf die glühheiße Herdplatte, damit sie keine Fingerabdrücke mehr produziert. Wenn ich so arbeiten würde, hätte ich sofort ein sehr ernstes Personalgespräch

A: Ich schreibe keine Zeitungsberichte, sondern Romane. Und in der Tat bekommt Ann Kathrin ja auch ständig Probleme, aber sie hat diesen wunderbaren Chef, Ubbo Heide, und der hält immer wieder schützend die Hand über sie. Wer weiß, was geschieht, wenn Ubbo Heide mal nicht mehr da ist …

F: In Ostfriesenangst haben Sie eine Lynch-Szene, die wenige Wochen nach Erscheinen ähnlich in Emden Realität wurde. Sind sie Hellseher oder hingen Sie in der Sache selbst mit drin?

A: Soll ich jetzt meinen Anwalt anrufen? Nein. Ich greife in meinen Romanen Stimmungen und Stimmungsmache auf und setze mich damit auseinander, kritisch, versteht sich. Besonders amüsiert haben mich nur Kritiken, die, selbst nachdem es zu diesem Vorfall gekommen war, immer noch schrieben, mein Roman sei unrealistisch, so etwas gäbe es in Ostfriesland nicht.

F: Aber hat es sie nicht doch mit Befriedigung erfüllt, so visionär gewesen zu sein und vorher schon gewusst zu haben …

A: (unterbricht) Ganz klar: nein. Mir wäre es lieber, die Verbrechen würden nur in meinen Romanen stattfinden und nicht in der Realität. Aber keine Literatur enthält so viel Wirklichkeit wie Kriminalromane.

F: Würden Sie gern mit mir tauschen?

A: Sie meinen, ob ich gern selbst bei der Kripo arbeiten würde? – Nein. Ich habe schon als Kind einen Traumberuf gehabt. Ich wollte gerne Schriftsteller werden. Mich können Sie mit nichts anderem locken. Ich übe meinen Beruf mit Leidenschaft aus und sitze jetzt schon voller Freude am nächsten Ostfrieslandkrimi.

F: AKK sind in Ihren Geschichten keine lonesome riders, sondern einander zugetan. Ist die Liebe am Arbeitsplatz wichtig für Sie und Ihr Publikum?

A: Menschen sind soziale Wesen. Alles findet im Kontakt statt. Heilung ebenso wie Verletzung. Deswegen ist der Kontakt zwischen Menschen für mich die Stelle, an der Literatur entsteht. In vielen Krimis heutzutage leben die Kommissare in kaputten Beziehungskisten. Die meisten haben überhaupt kein Sexualleben mehr. Ich gönne Ann Kathrin die Liebesgeschichte mit Weller. Ich finde, wenn sie Serienkiller jagt, dann soll sie wenigstens zuhause einen Mann haben, der sie liebt und auf den sie sich verlassen kann.

F: Sie lassen in Ihren Ostfriesen-Krimis sehr viel „Privates“ durchschimmern. Haben Sie keine Angst, dass demnächst Leute anklopfen und mit Ihnen frühstücken wollen?

A: Der Schriftsteller verrät immer Privates über sich, belanglos, ob er das will oder nicht. Denn jede Geschichte hat natürlich mit ihm selbst zu tun. Ich gebe mich gleich offen zu erkennen, dann gibt es weniger Rätselraten. Ja, ich wohne in der ältesten ostfriesischen Stadt, in Norden, im gleichen Viertel wie meine Kommissarin, sogar in der gleichen Straße, im Distelkamp. Natürlich kommen Touristen auf Fahrrädern vorbei, um sich vor dem Straßenschild fotografieren zu lassen. Ich werde auf der Straße von Menschen angesprochen, aber Literaturfreunde sind doch sehr zurückhaltend. Sie holen sich mal ein Autogramm und damit ist die Sache auch meist schon erledigt. Wir haben es ja hier nicht mit kreischenden Teenies zu tun, sondern mit erwachsenen, reflektierten Menschen.

F: Ist die Nähe, die Vertrautheit noch möglich in Ihren immer größer werdenden Live-veranstaltungen?

A: Als ich begann, abends in Bibliotheken und Buchhandlungen aus meinen Krimis vorzulesen, war die Resonanz zunächst nicht gerade überwältigend. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung, bei der sieben Leute waren, dann elf, mal fünfzehn …Doch es war immer zu spüren, dass die Geschichten die Menschen erreichen und anfassen. Heute reichen ja meist die Stühle nicht aus und dreistellige Zuhörerzahlen sind ganz normal geworden. Meist sind die Veranstaltungen Wochen vorher ausverkauft. Das macht mich als Autor sehr glücklich. Diese Lesungen, der Kontakt mit dem Publikum, das alles beflügelt und motiviert mich beim Schreiben des nächsten Falles. Manchmal sitze ich nach so einer gelungenen Veranstaltung im Hotelzimmer, im Grunde hundemüde, aber ich muss noch ein paar Sätze schreiben, um mir selbst zu versprechen, dass es weitergeht.

F: Was sind die häufigsten Fragen und Wünsche in diesen Veranstaltungen?

A:

F: Könnten Sie sich vorstellen, mit Ihrer Ermittlerin AKK zusammenzuleben?

A: Das tue ich doch schon längst.

F: Sind da die Buchhändlerinnen nicht eifersüchtig?

A: Ich hoffe, nicht. Manche Leserinnen schreiben mir, Ann Kathrin Klaasen ist meine beste Freundin, Herr Wolf. Es ist mir irgendwie gelungen, sie so zu erzählen, als sei sie eine lebendige Figur. Ich bin sehr stolz darauf und glücklich damit.

F: Zittern sie manchmal um sie?

A: Ja, ich muss ihr schlimme Dinge antun. Das Geheimnis, einen spannenden Roman zu schreiben, besteht unter anderem darin, die Hauptperson unter größtmöglichen Druck zu setzen. Im Leben darf der Autor ein netter Mensch sein, beim Schreiben nicht. Wenn er seine Hauptfiguren schont, produziert er Langeweile. Das will ich nicht.

F: In welcher Beziehung stehen Sie zu Weller, in welcher zu Rupert?

A: Ich mag Weller. Er ist ein bisschen beziehungsunsicher, sucht seine Rolle in der Gesellschaft. Er möchte so wenig Schaden wie möglich anrichten. Ich glaube, wenn mehr Männer wie Weller wären, würde die Welt ein besserer Ort.

Rupert ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Der ist für jeden frauenfeindlichen Witz gut, hält jede Wissenschaft für reinen Blödsinn und jeden Blödsinn für reine Wissenschaft. Rupert haut in seiner Geradlinigkeit dann aber manchmal auch Sachen raus, die man sich sonst nicht zu sagen traut. Ich möchte ihn nicht in meinem Freundeskreis haben, aber ich will auch nicht auf ihn als Figur verzichten. Wenn ich mich entscheiden müsste, mit wem ich ein Bier trinken gehe, mit Weller oder mit Rupert, wäre Weller meine erste Wahl.

F: Welche Ziele verfolgt der literarische Zielfahnder Wolf?

A: Ich will ein großes Gesellschaftspanorama entwerfen. Jeder Roman soll ein Puzzlestück in diesem Bild sein. Wenn man alles liest, hat man ein Porträt unserer Zeit, unserer Ängste und des Wahnsinns in unserer Gesellschaft.

F: Fahren Sie noch zum Hochseeangeln auf Marlins und rauchen Havannas?

A: Woher haben Sie das denn nun schon wieder?

F: Ach, Herr Wolf, Sie wissen doch, wir haben da unsere Quellen. Auch für Dinge, die schon verjährt scheinen. Rufen Sie mich einfach an, wenn Sie mir noch etwas sagen möchten. Meine Karte haben Sie ja.

A: Prima. Ich hätte da auch gleich eine Frage für meinen nächsten Roman. Es gibt da nämlich Kripoleute, die unterschiedlicher Meinung sind. Schalten Sie doch bitte mal das Mikrophon aus. Das muss ja keiner mithören …