Ulrich Maske

Der Autor als Täter

Über meine Hörbuch-Komplizenschaft mit KP Wolf

Als wohl dienstältester deutscher Hörbuchproduzent votiere ich selten für Autoren als Interpreten ihrer Hörbücher. Das muss schon etwas Besonderes sein, eine ganz eigene Authentizität haben. Da gibt es in unserem Programm GoyaLiT Günter Grass, Dora Heldt, Michael Köhlmeier, bei JUMBO für Kinder und Jugend auch Kirsten Boie, Cornelia Funke, Heinrich Hannover. Und Klaus-Peter Wolf mit seinen Ostfriesen-Krimis. Warum er? Es gibt Autoren, die mit ihrem Publikum etwas verbindet, das nur schwer erklärbar ist. Eine Art immerwährender Dialog. Ein gemeinsames Grundgefühl vielleicht. Ein gemeinsames Erleben jedenfalls. So etwas kann man in Live-Veranstaltungen erspüren. Wer in einer Veranstaltung Klaus-Peter Wolfs oder eines der anderen genannten Autoren war, weiß sicher, was ich meine. Und wer es erlebt hat, möchte gewissermaßen seinen Autor und dessen Stimme mit nach Hause nehmen.

KP Wolfs Heldin Ann Kathrin Klaasen scheint etwas durchgeknallt zu sein. Wer streichelt schon sein Auto und spricht mit ihm, fasst auf glühende Herdplatten, um keine Fingerabdrücke zu produzieren, lässt sich einmauern,  um die Situation eines Eingemauerten nachvollziehen zu können? Ann Kathrin Klaasen verkörpert eine Art emotionaler Klugheit, zeigt, dass rationales Denken und Gefühle eine Einheit bilden können, ja vielleicht müssen, gerade in ihrem Beruf. Sie versetzt sich radikal in die Gefühls- und Gedankenwelt der Täter wie in die der Opfer, das ist Voraussetzung für ihre Erfolge. Und das hat der Autor mit ihr gemein. Er ist Ann Kathrin, wenn er über sie schreibt, die beiden ursprünglichen Gelsenkirchener werden eins in Norden. Er ist das Opfer, leidet mit ihm Höllenqualen. Er ist Rupert, der Arsch. Weller, Ann Kathrin in Arbeit und in Liebe zugetan. Ubbo Heide, der Nachdenklich-Erfahrene. Er ist auch der Täter, mit all seinen Abgründen, Allmacht-Fantasien und auch mit seinen Fehlern und Schwächen. 

 Es gibt Autoren, die hinter vorgehaltener Hand sagen: Dialoge fallen mir so schwer. KP Wolf lebt inmitten von Dialogen, saugt sie geradezu auf, sie verselbständigen sich, ganz natürlich und ungekünstelt, immer typgerecht. Seine starken, echten Dialoge sind eine wichtige Voraussetzung für die authentischen Figuren, für die dichte, glaubwürdige Atmosphäre und Handlung. Auch die Erfahrung des Drehbuchautors, der für nahezu 200 Stunden Fernsehfilm schrieb, darunter „Tatort“ „Polizeiruf 110“, spielt hier eine wichtige Rolle. Mindestens ebenso wichtig ist allerdings, dass er auch in seinen Ostfriesen-Krimis in Norden lebt, alle Figuren persönlich genau kennt, existieren doch viele von ihnen ganz real. Die Roman-Bäckerei, die Kneipen, die Restaurants kann man besuchen, den Journalisten Holger Bloem über sein Ostfriesland befragen, sich vom Nachbarn des Autors ein Haus bauen lassen. So stimmt die Kulisse immer, die handelnden Personen sind keine Abziehbilder, sondern von Fleisch und Blut. Es gibt kein copy & paste, dieser Autor schreibt mit Tinte und Füller. Und seine Figuren sprechen ganz direkt aus ihm, wenn er seine Romane als Hörbuch interpretiert.

Der Kriminalschriftsteller Klaus-Peter Wolf ist ein herzensguter, ernsthafter und immer um Gerechtigkeit besorgter Mensch. Das Ganze aber immer mit Humor gepaart. Da geht mit ihm auch mal das Spielerische durch und er sagt so etwas wie: Denen lege ich jetzt eine Leiche aufs Dach. Oder: Ich morde gerade fürs ZDF. Manchmal sage ich dann zu ihm: Klaus-Peter, das passt doch gar nicht zu Dir und Deinem Weltbild. Du, Ann Kathrin und ich wissen genau, Mord ist kein Kinderspiel und kein Scherz. Und Du willst, wenn es denn schon Verbrechen gibt, dass sie aufgeklärt und gesühnt werden. Ganz egal, ob eine alte Frau wegen fünf Euro erschlagen wurde oder ob es um Drohnen-Killer geht. Stimmt´s?

Wie alle guten Kriminalromane von Simenon bis Mankell widerspiegeln auch KP Wolfs gesellschaftliche Realität, Probleme, Entwicklungen und Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die sich dank scharfer Beobachtung und Beschreibung zu einem größeren Bild zusammenfügen. Aber auch größere Themen werden reflektiert wie das Klonen menschlicher Ersatzteillager für Reiche oder die mediale Erzeugung von Massenhysterie bis hin zur Lynchjustiz. Ich bin gespannt, was ich noch von ihm erwarten kann. Ich halte die Ohren offen, freue mich auf viele weitere Gespräche und auf unser nächstes Treffen im Tonstudio.