Sonstiges

Über das Leben und Schreiben …

Wie Cornell Woolrich meinen Deutschlehrer besiegte – Klassischer Schund

Empört nahm mir der Oberstudienrat das zerfledderte Taschenbuch ab. Statt über die gesellschaftliche Funktion von Minnesängern zu diskutieren, las ich so etwas! Ein einziger Blick auf den Umschlag genügte meinem Deutschlehrer.
»Das ist Schundliteratur!«, verkündete er mit einem Anflug von Ekel um die Mundwinkel.
Damit war mein gerade erst im Kaufhof vom Ramschtisch gestohlenes Taschenbuch konfisziert. Ich glaube, es war »Der schwarze Engel«. Jedenfalls ein Cornell Woolrich.
Der Oberstudienrat ließ den Roman in seiner Aktentasche verschwinden und widmete sich wieder den Minnesängern. Ich saß nah genug an seiner Tasche, um das Buch zum zweiten Mal zu klauen, aber ich tat es nicht. Vielleicht gönnte ich ihm mal eine abwechslungsreiche Lektüre. Oder ich stand noch zu sehr unter dem Eindruck des gerade Gelesenen, jedenfalls saß ich den Rest der Stunde gleichmütig und regungslos ab wie eine Gletscherspalte.
Ich war knapp achtzehn und schrieb heimlich auf einer klapprigen Reiseschreibmaschine mit dem Adler-Such-System meinen ersten Roman: »Die Fliegen kommen«.
Der Deutschunterricht half mir dabei wenig. Als angehender Romanschriftsteller suchte ich mir andere Lehrer: Cornell Woolrich, Raymond Chandler und Dashiell Hammett. Allesamt hielt mein Deutschpauker sie für Schundautoren. In diesem Sinne wollte ich voller Begeisterung ebenfalls zum Schundautor werden.
Klar, was die ernsthaften Literaten machten, war allererste Sahne, aber für meinen Geschmack zu lange geschlagen, zu weiß gefärbt, zu steif. Ich schrieb nicht, um die Grazie meines Stils unter Beweis zu stellen und erst recht nicht, um meine Bildung vorzuführen.
Ich wollte fesselnde Stories erzählen. Knapp, schnell, mit sparsamen Mitteln. Die Atmosphäre war mir fast wichtiger als die Handlung. Dafür hatte ich mir genau die richtigen Lehrmeister ausgesucht. Durch kleine, alltägliche Handlungen das Entsetzen schimmern zu lassen, wer konnte es besser als Cornell Woolrich? Immer handeln seine Stories von einer Krisensituation. Er setzt seine Personen unter Druck. Sicherheit und Geborgenheit gibt es höchstens als Sehnsucht. Die Familie als Ort der Zuflucht existiert nicht mehr.
Woolrich liebte wie Hammett und Chandler die Einzelgänger. Gescheiterte Zyniker. Gebrochene Charaktere. Einsame, nur sich selbst verpflichtete Menschen. Sie dienen keinen Idealen.
Sie haben nur eine Partei, ihre eigene.
Die Menschen leben mit den schlecht vernarbten Wunden ihrer Vergangenheit, können ständig eingeholt werden von alten Geschichten, die sie eigentlich lieber vergessen wollten. Deshalb wirken sie manchmal wie Marionetten an den Fäden ihrer eigenen dunklen Geschichte, die unsichtbar über ihnen schwebt wie das Fadenkreuz, das sie nach mystischer Regie tanzen lässt …
Sie sind Gefangene, egal wie will sie sich auf der beleuchteten Bühne bewegen. Schneiden sie die Fäden ihrer Vergangenheit durch und flüchten so in die trügerische Freiheit, ist sie nicht mehr als ein lebloser Haufen Holz.
Verlieren sie ihre Angst, so ist auch ihre Antriebskraft futsch.
Kein Wunder, dass Woolrichs Stories als Filmvorlagen die Schwarze Ära begründeten.
Der Film Noir entstand. Später fälschlicherweise immer wieder als Hollywoods Schwarze Serie bezeichnet. Die Filme entstanden in den vierziger bis Mitte der fünfziger Jahre. Die Nachkriegswelt mit ihren entwurzelten Gestalten bot den zerrütteten Hintergrund.
Schauspieler wie Humphrey Bogart in seiner Rolle als Chandlers Philip Marlowe machte der Film Noir weltberühmt.
Regisseure wie Fritz Lang, Orson Welles, Alfred Hitchcock, Billy Wilder und Francois Truffaut schufen düstere Meisterwerke.
Was Woolrich, Chandler und Hammett mit der Magie der Sprache entwickelten: die beklemmende Atmosphäre, die auch durch spritzige Dialoge nicht zerstört werden konnte, dazu benutzten die großen Regisseure das Licht. Von der üblichen Beleuchtung wichen sie entscheidend ab. Sie machten keinen Unterschied mehr zwischen der Ausleuchtung einer Person und ihrer Umgebung. So entstanden Halbdunkelbereiche auch für die Spielszenen. Das übliche Führungslicht wurde konsequent reduziert. Ständig droht die Dunkelheit die handelnden Personen zu schlucken, sie gewährt ihnen aber auch Unterschlupf. Stellt vielleicht das letzte Stückchen Geborgenheit dar. Die neue Verwendung des Lichts verdinglicht die Personen. Lässt sie zu Teilen ihrer Umgebung verschmelzen.
Was für das Kino eine Revolution bedeutete und den Film Noir sogleich zum Kultfilm machte, ist aber keine Erfindung der Regisseure, wie uns gängige Filmbücher weismachen wollen. Nein, dies alles ist bereits angelegt in den Geschichten. Schauplätze sind nicht die Boulevards, nicht die Opern und Kunstpaläste, sondern schäbige Hotelzimmer, zwielichtige Bars, Hinterhöfe und dunkle Hafenviertel.
Klaustrophobische Gefühle werden geweckt.
Keiner ist wirklich irgendwo zuhause. Alle Orte sind nur Durchgangsstationen. Man ich ständig auf der Suche nach … oder auf der Flucht vor …
Man hat später viel mystischen Unsinn in Cornell Woolrichs Schreibe hineingeheimnist. Psychologen und Literaturwissenschaftler gingen der Frage nach:
Warum war Woolrich so düster?
Nun, er war homosexuell, er war Alkoholiker und er lebte als Schriftsteller während der schlimmen McCarthy-Zeit in den USA. Wenn das nicht ausreicht, um depressiv zu werden …
Er musste sich mit einer zigtausendköpfigen Schar von Schreiberlingen an die literarischen Futtertröge drängen. Intrigen gediehen, Missgunst und Verrat. Ein politischer Verdacht vor dem Ausschuss für antiamerikanische Umtriebe konnte von heute auf morgen brotlos machen.
Und egal, wie gut er war, als Autor für Pulp-Magazine galt er nicht nur meinem Deutschlehrer als Schundschreiber, sondern erst recht der amerikanischen Literaturkritik, die nach langem Ringen vielleicht Dashiell Hammett anerkannte und kurz vor seinem Tod auch Raymond Chandler, aber niemals Cornell Woolrich. Da nutzte es ihm auch nichts, dass Hitchcocks Verfilmung von Das Fenster zum Hof ein Welterfolg wurde.
Sidney Pollack und Francois Truffaut brachten Die Braut trug Schwarz auf die Leinwand. Eine Weile ging es Woolrich finanziell sogar gut.
Aber die Anerkennung, die er suchte, fand er nicht. Und er wusste, wie brüchig finanzielle Erfolge waren. Wie seine Helden befand er sich ständig auf der Suche nach dem großen Coup, dem ganz dicken Geld, das unabhängig machen sollte und frei. Wie seinen Helden gelang es ihm nie. Was er ergatterte, zerrann zwischen seinen Fingern. Er lebte wie viele seiner Kollegen in Hotels. In einem dieser heruntergekommenen New Yorker Hotels starb er einsam im Jahr 1968.
Er soff wie Chandler, um sich zu betäuben und den Kopf für eine halbwegs schlüssige Geschichte klar zu kriegen. Vermutlich trank er sich auch wie sein großer Kollege zu Tode. Trotz seiner Sauferei gelang es ihm immer wieder, Dinge nicht kompliziert darzustellen, sondern komplex.
Wie groß der Einfluss von Woolrich, Hammett und Chandler damals auf mich war, erkannte ich erst jetzt, als ich ein altes Deutschaufsatzheft von mir wieder fand. Ich benutzte ihre Formulierungen, ahmte ihre Sprache nach, was mir natürlich misslang. Bei mir »öffneten sich Zahnreihen wie ein Reißverschluss«, waren Männer »harte Brocken« und es gab »Grünschnäbel und eiskalte Engel«. Immer wenn ich so eine Formulierung entlieh, kreiste mein Deutschlehrer sie rot ein und schrieb ein großes A für »Falscher Ausdruck« an den Rand. Ich stand in Deutsch auf einem glatten Mangelhaft. Aber ich lernte, Romane zu schreiben.

Samstags, wenn Krieg ist – Erfahrungen mit Buch und Film

Ich habe es immer geliebt, mit meinen Büchern auf ausgedehnte Lesereisen zu gehen. Der Kontakt zu meinen Lesern war mir von Anfang an wichtig. Zwölf bis fünfzehn Wochen pro Jahr war ich für den Bödeckerkreis, diverse Büchereizentralen und Buchhandlungen unterwegs. Ich las in allen deutschen Bundesländern, in Österreich, Luxemburg und immer wieder in der Schweiz.
Mit Schulklassen zu diskutieren, die vorher ein Buch von mir gelesen und die Verfilmung gesehen hatten, war für mich ein Privileg und ich habe es genossen.
Klaus-Peter WolfIch machte bis 1990 mehr als 4000 Veranstaltungen. Aber dann begann sich etwas zu verändern. Es war zunächst ein schleichender Prozess. Ich habe ihn bewusst erst ab 1990 wahrgenommen. In einigen Klassen herrschte auf einmal eine feindliche Atmosphäre. Da saßen Schüler stumm, manchmal grimmig grinsend, brütend, sie taten nichts, guckten nur voller Hass. 1992 war es für mich unübersehbar. Lehrer begannen zunehmend in ihren Klassen zu leiden, träumten vom Ausstieg. Es wehte in den Diskussionen plötzlich ein rauer Wind.
Ich war es gewöhnt, dass Schüler und Lehrer sich auf mein Kommen freuten. Ich wurde als willkommener Gast behandelt. Nun weigerten sich an verschiedenen Orten Schüler, an meiner Veranstaltung teilzunehmen, weil sie »so einer linken Zecke« nicht zuhören wollten. Mein Roman Die Abschiebung (vom ZDF 1984 verfilmt) war plötzlich an einigen Schulen als Klassenlektüre nicht mehr durchsetzbar.
Dann wurde ich an einer Schule mit »Heil Hitler!« begrüßt und am gleichen Tag schenkten mir Schüler einen Maulkorb. An den solle ich mich schon mal gewöhnen, für ein neues '33.
Zum ersten Mal in meinem Autorenleben war ich kurz davor, eine Lesereise abzubrechen. In einem Kaff in Mecklenburg-Vorpommern besoff ich mich und wollte ernsthaft aufgeben.
Aber dann geschah etwas anderes. In der gleichen Kneipe saßen einige der Schüler, die mir am Morgen so zugesetzt hatten. Ich sah sie erst, als ich zur Toilette ging. Ich hatte genug Rotwein intus, um sie anzuquatschen. Ich zeigte auf ihre kahl rasierten Schädel und fragte: »Warum lauft ihr eigentlich herum wie KZ-Häftlinge?«
Nein, es gab keine Schlägerei. Vielleicht funktionierte noch ein Hauch von Schulautorität, jedenfalls fand ich mich an ihrem Tisch wieder und musste mir anhören, dass in den KZs gar keine Juden vergast worden seien.
Später, viel später, als der Druck provozieren und schockieren zu müssen, nachließ, wurden langsam die Menschen hinter diesen hanebüchenen Thesen spürbar.
Ich sah frustrierte Kinder, die von dieser Gesellschaft nur eine Botschaft wirklich glaubhaft gehört hatten: Wir brauchen euch nicht.
Ich erlebte die großmäuligen Glatzköpfe plötzlich als Menschen, die verzweifelt ihren Platz in der Gesellschaft suchten, aber angeboten wurde ihnen nur Demütigung.
Dem »Du bist nichts wert« setzten sie ein trotziges »Wir machen euch alle platt« entgegen.
Ja, so sehr sie mich auch erschreckten, ich begann sie zu verstehen.
Sie waren so sehr auf der Suche nach jemandem, der ihnen ihren Stolz zurückgeben konnte, dass sie bereit waren, dafür jeden Mist zu glauben.
Ich trieb mich wochenlang auf ihren Partys herum, besuchte schreckliche Konzerte und versuchte ihnen näher zu kommen. Fast immer stieß ich auf einen unaufgelösten Vater-Sohn-Konflikt. Oft auf nicht vorhandene oder sehr schwache Väter.
Ich begann, Jugendarbeitslosigkeit als Verbrechen an den Seelen Heranwachsender zu begreifen.
Die Arbeit am Roman Samstags, wenn Krieg ist ließ mich nicht mehr los.
Damals fragte mich ein Redakteur vom SDR Stuttgart (heute SWR), ob ich für den Sender eine neue Polizeiruf-110-Reihe entwickeln könnte. Ich erzählte ihm, womit ich mich gerade beschäftigte. Es wurde ein sehr langes Gespräch. Er fing sofort Feuer und wollte immer mehr wissen.
Ich zeigte ihm die ersten vierzig Seiten von meinem Roman. Inzwischen hatte ich dafür einen Vertrag und schrieb unter Hochdruck. Im Sender stieß meine Idee auf viel Gegenliebe. Ich wurde dramaturgisch hervorragend unterstützt und noch während ich schrieb, suchten wir einen Regisseur. Ein junger sollte es sein, altersmäßig nah dran an den Hauptfiguren, mit einem cineastischen Blick und viel Einfühlungsvermögen.
Ich traf Roland Suso Richter und wir verstanden uns auf Anhieb. Später machten wir noch einen weiteren Film gemeinsam, Svens Geheimnis. Er schlug Heino Ferch als Wolf vor, Markus Knüfken als Siggi und Felix Eitner als behinderten Bruder Yogi.

Klaus-Peter Wolf

Ich wollte Angelica Domröse als Kommissarin. Meine Redakteure glaubten zunächst nicht daran, denn angeblich hatte Frau Domröse seit Jahren alle angebotenen Drehbücher abgelehnt und spielte nur noch in Wien Theater. Ich bat, ihr mein Drehbuch zu schicken. Sie war sofort mit von der Partie.
Ich mochte ihre Zerbrechlichkeit. Wenn sie als Kommissarin Vera Bilewski die Waffe zog, kam mir die Pistole zu groß für sie vor. Ich glaubte nicht, dass sie in der Lage wäre, zu schießen. Die militante Körperlichkeit ihrer machohaften Gegenspieler kam so erst richtig zur Geltung. Nicht die Kommissarin bedrohte die Bande – die Bande bedrohte die Kommissarin.
Später schrieb ich (gemeinsam mit Ulrich Bendele) noch zwei weitere Polizeiruf 110 mit Kommissarin Vera Bilewski in der Hauptrolle. Kleine Dealer, große Träume und Hetzjagd.
Buch und Film Samstags, wenn Krieg ist hatten 1994 bei Presse und Publikum einen furiosen Start. Rasch waren zwei Hardcoverauflagen verkauft und 1995 erschien eine Taschenbuchausgabe.
Bernhard Blees begleitete mich für den Südwestfunk drei Wochen lang auf meiner Tournee und drehte ein 45 Minuten langes Porträt über mich und meine Arbeit mit dem Buch.
Ich hatte 180 Schul- und 35 Abendveranstaltungen in den ersten acht Wochen. Nur selten reichten die Stühle aus. Aber diese Lesereise war anders als frühere. Jetzt wurde mehr diskutiert und weniger vorgelesen. Lehrer, die in ihren Schulen Probleme mit Neonazigruppen hatten, luden mich gezielt ein. Ich lernte eine junge Lehrerin kennen, die frisch an der Schule, die »schlimmste Klasse« bekam, in der man alle die Schüler versammelt hatte, die niemand mehr unterrichten wollte. Aus vielen abgeschobenen Problemfällen hatte man eine Alptraumklasse gebaut, die sich jedem pädagogischen Einfluss entzog.
Die junge Lehrerin wurde von den Jungs höchstens als Sexualobjekt ernst genommen. Schulsport war, dafür zu sorgen, dass sie heulend aus der Klasse rannte, was regelmäßig zweimal pro Woche gelang. Natürlich zweifelte sie inzwischen an sich selbst, ihrer Berufswahl und dem Leben an sich.
Ich kam in ihre Klasse. Ich fühlte mich wie ein Gladiator in der Arena. Spaß machte das nicht. Aber unbeeindruckt ließ mein Auftritt die Jugendlichen auch nicht.
Ich erinnere mich an eine Lesung in einer kleinen Buchhandlung. Ein Bär von einem Mann stand auf, bei ihm seine zwei Köpfe kleinere Freundin. Er war höchstens fünfundzwanzig und sprach mit einer stockenden Stimme, die irgendwie nicht zu seinem Körper passte. Er sagte, er habe den Film zunächst gehasst, aber die Bilder hätten ihn auch nicht losgelassen. »Ich musste immer daran denken.« Dann hätte seine Freundin ihm dieses Buch geschenkt.
So, wie er das sagte, war allein der Gedanke, jemand könnte ihm ein Buch schenken, völlig absurd für ihn.
Während er sprach, sah er immer wieder zu seiner Freundin, die ihm mit liebevollen Blicken Mut machte. Er habe »gelebt wie die«, sagte er und er hätte »jede Menge Türken geklatscht.«
»Beim Lesen habe ich kapiert, dass ich eigentlich immer nur sauwütend auf meinen Vater war. Aber das habe ich nicht wahrhaben wollen. Ich wusste gar nicht wohin mit meiner ganzen Wut.«
Ein paar Zuhörer klatschten ihm spontan, wenn auch verhalten, Beifall. Wir sind nicht gewöhnt, hinter all der Randale und dem Politzirkus die menschlichen Schicksale, die gequälten Seelen zu sehen, die halb irre vor Zorn schreien und politisch instrumentalisiert werden.

Klaus-Peter Wolf

Der Film Samstags, wenn Krieg ist mit erstaunlichen Bildern von Kameramann Hans Grimmelmann lief bei den Münchener Filmfestspielen und wurde als »kleines Meisterwerk« gefeiert (Fränkische Nachrichten).
Anschließend wurde Samstags wenn Krieg ist um 20.15 Uhr im Abendprogramm der ARD ausgestrahlt und erhielt hymnische Besprechungen.
Er wurde rasch in der ARD wiederholt und mehrfach auch in den Dritten Programmen. Im Sender überlegte man sogar, eine DVD-Edition aller drei Filme mit Vera Bilewski herauszubringen.
Aber dann geschah etwas, zunächst ohne dass ich es bemerkte. Der Film verschwand im »Giftschrank« des SWR und wurde nicht mehr für Wiederholungen freigegeben. Bei mir häuften sich Anfragen, wann der Film denn mal wiederholt würde. Ich verwies an den Sender, aber Wiederholungen waren »nicht vorgesehen«.
Die letzte Ausstrahlung fand am 20.02.2002 im SWR statt.
Der SWR gab am 27.12.2006 die offizielle Mitteilung heraus: »Wegen der missverständlich aufgenommenen Darstellung von Gewalt in dem Polizeiruf 110 Samstags wenn Krieg ist hat der Fernsehdirektor des SWR den Film bis auf weiteres gesperrt, so dass der Film bis auf weiteres nicht wiederholt wird.«
Dies ist umso verwunderlicher, als dass Buch und Film fester Bestandteil des Deutschunterrichts an zahlreichen Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz geworden sind.
Verzweifelt schrieb ich Briefe an den Sender und bat darum, mit mir zu diskutieren. Aber der Giftschrank öffnete sich nicht.
Es kursieren nur noch ein paar DVDs und VHS-Kassetten.
Ein Hauptschullehrer, der bedauerte, dass seine VHS-Kassette, mit der er den Film allen 8. Klassen vorgeführt hatte, kaputt gegangen war, kommentierte das so: »Da mussten wohl ein paar Akademiker etwas gegen Gewalt im Fernsehen tun und Samstags, wenn Krieg ist war das Opfer. Sie geben vor, etwas zu bekämpfen und erreichen in Wirklichkeit das Gegenteil. Jetzt fühlen die sich bestimmt alle ganz toll. Aber ich stehe wieder mit leeren Händen da. Mit dem Film habe ich die Kids erreicht. Wenn ich mit der Flut von pädagogisch wertvollen Materialien, die man uns tagtäglich aufdrängt, in der Klasse erscheine, ist das ja vielleicht politisch korrekt, ich ernte aber bestenfalls gelangweilte Schüler – falls sie mich nicht auslachen. Mit Samstags, wenn Krieg ist hatte ich sie immer alle. Der Film hat sie emotional erreicht, weil er sie ernst nimmt.«

Ostfriesland – Die Geburtstätte des deutschen Kriminalromans

Die Geburtsstunde des Deutschen Kriminalromans erlebte ich, versteckt hinter Kartons mit Haarsprayflaschen und Dauerwellflüssigkeit, im zarten Alter von zehn Jahren im Friseurgeschäft meiner Mutter in Gelsenkirchen-Ückendorf. Dort lagen Illustrierte aus, die ich regelmäßig heimlich las.
Ich blätterte im STERN auf der Suche nach Werbung für Damenunterwäsche und all den spannenden Dingen, wegen derer solche Zeitschriften meiner Vermutung nach »für Jugendliche ungeeignet« sein sollten. Stattdessen fand ich »Gefährliche Neugier« von Hansjörg Martin. Der Krimi spielte in Ostfriesland und die Sätze von Hansjörg Martin ließen mein Herz schneller klopfen.
Natürlich wollte ich wissen, wie es weitergeht. Ich stürmte in die Stadtbibliothek und wollte mir diesen Krimi ausleihen, aber die Bibliothekarin lächelte mich nur milde an. Ein Krimi von einem deutschen Autor – nein, das gäbe es nicht.
Wir schrieben das Jahr 1964. Krimis kamen aus England und spielten in London oder vielleicht ganz modern aus den USA. Ermittelt wurde in den Häuserschluchten von New York, nicht etwa in Deutschland – und schon gar nicht in Ostfriesland.
Edgar Wallace setzte Maßstäbe, es gab Raymond Chandler, Dashiell Hammett, für ganz Belesene noch Cornell Woolrich.
Natürlich schrieben damals auch schon deutsche Autoren Krimis, Ernst Hall zum Beispiel bei Goldmann (Glocken des Todes, 1963), in der berühmten Roten Reihe, aber die spielten in einer südenglischen Moorlandschaft und der Kommissar hieß McFaverham und war Inspektor bei Scotland Yard.
Aber das war ohnehin alles nichts für mich. Ich war ja erst zehn und sollte Enid Blytons Bücher lesen. Die interessierten mich aber nicht. Da wartete ich lieber auf die nächste Folge von Hansjörg Martin und tröstete mich solange mit Jerry Cotton in New York oder Edgar Wallace in London.
Dann publizierte der Rowohlt-Verlag die erste Reihe mit Krimis deutschsprachiger Autoren. Gefährliche Neugier von Hansjörg Martin machte den Anfang. Kein Schnaps für Tamara folgte. So ein Taschenbuch kostete damals eine Mark neunzig. Ich kaufte sie alle, die schmalen Bändchen der Schwarzen Reihe. Friedhelm Werremeier, Michael Molsner, das waren meine Helden. Und ihre Krimis unterschieden sich deutlich von den Übersetzungen. Sie nahmen gesellschaftliche Themen auf, erzählten von einem erschreckenden Hier und Jetzt, das einem doch irgendwie bekannt vorkam, obwohl es fremd war. Die Menschen wirkten, als könnten sie im Nebenhaus wohnen und sprachen auch so.
Hansjörg Martin läutete 1964 eine neue Ära ein. Er hatte auf Norderney zu schreiben begonnen, und seine Erfahrungen als Bühnenbildner bei der Ostfriesischen Landesbühne inspirierten ihn zu seinem ersten Krimi. Der Siegeszug des deutschen Kriminalromans begann in Ostfriesland.
Bald schon schnellten die Auflagenzahlen hoch. Die Kritik belächelte das alles noch und das Fernsehen war noch längst nicht soweit, trotzdem sammelten sich hier bereits die späteren »Tatort«-Erfinder. Werremeier schrieb mit seinem Kommissar Trimmel den ersten ARD-Tatort: Taxi nach Leipzig. Damals stand im Vorspann noch: Ein Film von … und dann kam der Name des Autors, nicht etwa der des Regisseurs, der Hauptdarstellerin oder des Produzenten.
Inzwischen hat fast jeder deutsche Verlag eine Krimireihe, selbst Suhrkamp steigt neuerdings in das Geschäft ein. Kein Wunder, 25 bis 30 Prozent aller verkaufter Belletristik sind Krimis – und immer noch ist das Epizentrum des Ganzen in Ostfriesland.
Welcher Verleger möchte nicht gerne eine eigene Ostfriesland-Krimireihe? Lübbe hat Theodor Reisdorf, rororo Sandra Lüpkes. Der Ostfrieslandkrimi ist nicht einfach irgendein Regionalkrimi, eine eigene Gattung ist entstanden. Die Anonymität, aus dem Großstadtkrimis ihren Grusel beziehen, gibt es hier nicht.
Im Ostfrieslandkrimi wird die unverwechselbare Landschaft geradezu zum Protagonisten der Handlung. Je austauschbarer die Innenstädte der Metropolen werden, umso größer wird die Sehnsucht der Leser nach Unverwechselbarkeit. Das lesende Individuum will nicht im Einheitsbrei untergehen. Ob ich in München im Starbucks sitze oder in Zürich, wo ist der Unterschied?
Aber es gibt nur ein Aggi Huus in Neßmersiel und das Café ten Cate kann man nicht mit Café Remmers verwechseln. Sie sehen nicht nur anders aus. Sie riechen anders. Ihre Kuchen haben unterschiedlichen Charakter, schmecken ganz anders und gehen wir von dort zu Grünhoff, tut sich wieder eine neue Welt auf – und wir reden jetzt nur über Cafés und Kuchentheken. Über vorgefertigte Sachen aus der Fabrik kann man hier nur lachen.
Ich könnte endlos weiter erzählen von der Welt, in der ostfriesische Kriminalfälle verortet sind.
Als ich vierzehn war und wild entschlossen, Schriftsteller zu werden, begann ich, inspiriert von Hansjörg Martin und einem Urlaub an der Nordsee, meinen ersten Krimi. Er spielte natürlich an der Küste. Ich erinnere mich noch an die ersten Sätze:
»Er saß in der Dunkelheit auf dem Deich und dachte: Alles ist weg. Meine Freundin, mein Geld, mein Auto und die Nordsee. Ebbe auf ganzer Linie.« Der Roman wurde nie fertig, aber ich bekam eine Ahnung davon, wie die Landschaft die Betrachtungsweise von Menschen prägen kann.
Hansjörg Martins Gefährliche Neugier und Kein Schnaps für Tamara wurden später – natürlich in Ostfriesland – verfilmt. Inzwischen sind die Romane der Gründerväter des Deutschen Kriminalromans bei rororo längst nicht mehr im Programm, aber ein Weggefährte von ihnen, der Schriftsteller Frank Göhre aus Hamburg, selbst ein Großmeister des Krimigenres, hat die bahnbrechenden Werke seiner Kollegen in der Reihe Die kriminelle Sittengeschichte Deutschlands in der der kleinen Edition Köln neu herausgegeben.
So wurde endlich auch Kein Schnaps für Tamara der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Aus den deutschen Kriminalromanen, die heute oft abschätzig Regionalkrimis genannt werden, habe ich mehr über die Gesellschaft und ihre Veränderungen gelernt als aus soziologischen Studien und die Krimis waren weitsichtiger, in ihren Prognosen treffender – und unterhaltsamer waren sie allemal.
Inzwischen schickt eine neue aufregende Autorengeneration ihre Kommissare in Ostfriesland auf Verbrecherjagd. Peter Gerdes knorziger Stahnke gewinnt Fans. Ulrich Hafner, der Polizeipoet, wohnt zwar nicht hier, legt aber auch gerne Leichen hinter den Deich. Besonders originell ist das Trio Mortabella: Christiane Franke (Eine Mordsehe, SKN-Verlag), Regine Kölpin (Spinnennetz, Leda-Verlag) und Manfred C. Schmidt (Mord im Milieu, Lerato) haben sich zusammen getan, treten gemeinsam auf und publizieren als »Trio« auch Kurzgeschichten.
Viele müsste ich noch nennen, zum Beispiel den Publizisten Bernd Flessner (Knochenbrecher), ein Sprachkünstler mit Wortwitz, oder Regula Venske (Juist married).
Die Krimilandschaft Ostfriesland ist bunt und groß. Es gibt viel zu entdecken.