Ostfrieslandkrimis
Vier Morde in Norden:
Ann Kathrin Klaasen ermittelt.
»Ostfriesenkiller« heißt der erste Ostfriesland-Krimi von »Tatort«-Autor Klaus-Peter Wolf aus Norden. Holger Bloem (Text) hat sich auf Spurensuche begeben.
Mit geschlossenen Augen lag Alexa auf dem Sofa und
stellte sich vor, wie es wäre, bei Ulf Speicher zu
bleiben. Wenn aus dem Liebesabenteuer mehr werden
würde als nur eine flüchtige Nacht. Mit ihm in diesem
Haus im beschaulichen Norder Stadtteil Süderneuland
zu wohnen. Er hätte bestimmt keine Probleme mit
Markus. Wenn es überhaupt einen Mann gab, der mit behinderten Kindern umgehen konnte, dann Ulf. Das Haus
war groß genug. Es hielt sie ohnehin nichts in Oberhausen. Sie hatte ihre Freunde verloren und ihre Arbeit.
Eine bessere Betreuung gab es hier in Ostfriesland für
Markus mit Sicherheit. Ihre Schwester würde das verstehen. Dann wäre auch sie endlich frei, um ein eigenes
Leben zu führen. Alexa fragte sich, ob sie gerade dabei war,
sich neu zu verlieben.
Irgendwo draußen knallte etwas. Das Klirren der Scheibe härte sie nicht. Doch
dann prallte etwas mit voller Wucht auf den Boden. Erstaunt stand sie auf und ging zur Küche. Sie sah Ulf auf
dem Küchenboden liegen mit einem kreisrunden Loch
in der Stirn. Dann schrie sie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte.
Nicht weit vom Tatort entfernt wohnt Klaus-Peter Wolf.
Er hat schon oft gemordet und eine blutige Spur hinterlassen. Natürlich zählt er zu den üblichen Verdächtigen.
»Einen wirklich Besessenen kann nichts aufhalten«, sagt
er zu allem Überfluss auch noch über sich selbst. Für
die ARD-Krimireihe »Tatort« beispielsweise hat er Auftragsmorde in Frankfurt am Main und in Ludwigshafen
begangen.
Jetzt hinterlässt er seine erste grausame Spur – und
es bleibt nicht die einzige! – also in Norden, seiner
Wahlheimatstadt. Nordsee ist Mordsee. Vielleicht fühlt
sich Klaus-Peter Wolf, Jahrgang 1954, gerade deshalb
in der ältesten Stadt Ostfrieslands, in unmittelbarer
Nähe zum Meer, so wohl. Denn Mord ist nicht nur
sein Hobby, sondern er ist Beruf. »Ich lebe schließlich
von Mord und Totschlag«, sagt der Schriftsteller und
bekennt sich schuldig. »Und hier haben wir viele Impulse
bekommen.«
»Ostfriesenkiller« heißt der Kriminalroman, den
Klaus-Peter Wolf für den renommierten Fischer-Verlag
geschrieben hat und der jetzt im April als 303 Seiten starke Taschenbuch-Version für 8,95 Euro in die Buchläden
kommt: Mit dem Pilsumer Leuchtturm auf dem Buchcover. Seit gut drei Jahren
lebt und arbeitet der namhafte Autor von Kinderbüchern, Romanen und Filmbüchern zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Autorin
und Liedermacherin Bettina Göschl, in Norden.
Wolf gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern und
zu den meistgefragten Drehbuchautoren des Landes.
Seine Femsehfilme sind Quotenhits. Über 80 Kinderbücher, Jugendromane,
Krimis und Psycho-Thriller mit einer Auflage von knapp
acht Millionen Exemplaren in über 20 Ländern sind
mittlerweile unter seinem Namen erschienen – zunehmend mit ostfriesischem Einschlag wie beispielsweise in
der neuen Jugendbuchreihe »Treffpunkt Tatort«.
Denn mittlerweile sind sie heimisch geworden in Norden. Sogar seine Mutter zog aus dem Rheinischen in die
Küstenstadt. Und das Zuhause entdecken sie oftmals mit
angereisten Freunden immer wieder aufs Neue – zum Beispiel während eines Urlaubs auf Juist. »Mit den Inseln vor
der Nase, das ist doch der Wahnsinn«, schwärmt Klaus-
Peter Wolf immer noch. Gerne lassen sie den Blick über
das flache Land schweifen und sich dazu den Wind ins
Gesicht blasen, am liebsten auf der Nordseeinsel Juist,
die, so Wolf, »wie die Karibik ist, nur ohne die Scheiß-Palmen!«
Beide entwickeln ihre Ideen am liebsten in der unaufgeregten
Natur. »Wenn wir hier heraufziehen, ziehen wir ins
Paradies.« Sie glauben fest an die Magie des Ortes und
lassen dafür Freunde und Familie zurück. Sie hatten es
im Gefühl, dass da viel fließt. Zuerst die Tinte – und dann
das Blut. Und – wie sein erstes noch ahnungsloses Mordopfer Ulf Speicher – bereut er es bisher nicht, an die Nordsee gezogen zu sein.
»Ich muss erst alles erleben, ja erleiden, bevor daraus
ein Buch wird«, sagt Klaus-Peter Wolf vieldeutig. So war
er – wie Ulf Speicher – einige Jahre in der Behindertenhilfe engagiert. Für den ersten Fall der Norder Kommissarin
Ann Kathrin Klaasen hat er das Ewige Meer ins Meerhusener Moor verschoben,
fiktive Menschen auferstehen und wieder sterben lassen und in direkter Nachbarschaft ein Haus erbaut, denn Klaus-Peter Wolf wohnt
– wie seine Kommissarin – im Norden von Norden,
im sogenannten Getreideviertel. Keine tausend Meter Luftlinie vom Deich entfernt.
Auch er muss am Kornweg und am Haferkamp vorbei,
um dann schließlich sein Auto auf die große Auffahrt im
Distelkamp zu lenken, eine Hausnummer 13 sucht man
dort allerdings vergebens.
Aber die Polizeinspektion Aurich, der Klaus-Peter Wolf
zu Beginn seiner Recherche eigens einen Besuch abstattete, um eine möglichst authentische Geschichte zu erzählen, die Landschaft,
Fähren, Häuser und Restaurants gibt es in Ostfriesland
tatsächlich: So lässt der Autor seine Opfer durch das
schmatzende Watt waten. Schickt seine gestresste
Kommissarin nach Neßmersiel, um dort dem Sonnenuntergang im Meer zuzusehen
und um ihre Gedanken zu ordnen. Ann Kathrin kann hier bei einem hausgemachten Kartoffeleintopf die Füße
ausstrecken und sich für einen Moment sicher fühlen. Hier ist die Welt einfach und
schön. Das Böse, die komplizierte Zivilisation, bleibt draußen.
Was ist das für eine Figur, diese Ann Kathrin Klaasen, die neben den Mordfällen
zudem schwerwiegende private Probleme lösen muss und vor den Scherben ihrer
gescheiterten Ehe steht? Sie ist keine unattraktive Frau, ist seit 15 Jahren glücklich
verheiratet. Eigentlich. Im Moment aber fühlt sie sich von ihrem Mann betrogen
und belogen. Ausgenutzt. Sie fühlt sich nicht wie 31, sondern eher wie 41. Sie
trägt weite Pullis und geht nicht mehr zum Friseur. Und sie hört auf, Make-up zu
benutzen. Sie lebt gerne in Norden, atmet jedes Mal tief ein, wenn sie mit dem Auto
zwischen den Windmühlen hindurchfährt, wie durch ein Stadttor. Der Anblick wirkt
beruhigend, wie der Anblick des Meeres.
Dann die Riesen-Doornkaatflasche. Die nimmt sie jedes Mal ganz bewusst
wahr. Andere Städte haben Reiterdenkmäler. Irgendwelche Könige oder Feldherren.
Norden hat die Doornkaatflasche. Sie belächelt dieses grüne Monstrum. Es erinnerte daran, dass Doornkaat der Lieblingsschnaps ihres Vaters gewesen war. »Doornkaat«, hatte der immer verkündet, als sei es eine tiefe
philosophische Weisheit, »muss man kalt trinken: Eiskalt!« Ann Kathrin Klaasen
trank selten Schnaps, aber wenn, dann einen eiskalten Doornkaat. Sie bewahrte
Flasche und Gläser an der gleichen Stelle auf wie einst ihr Vater. Wenn sie sich – genau wie er früher – im Stehen vor dem Kühlschrank einen
eingoss und ihn runterkippte, dann sagte sie jedes Mal: »Prost, Paps.«
Von ihrem Vater hatte sie auch gelernt, dass man auf Schleichwegen oft besser
zum Ziel kommt als über die großen Straßen. Sie liebt Ostfriesland: Die Felder weit
und ohne Zäune. Sie mag die saftigen Wiesen, in denen die Köpfe von Löwenzahn
leuchten wie kleine gelbe Sonnen. Erinnerungen aus ihrer Kindheit kommen in ihr
hoch. Wie sie in solchen Wiesen mit ihrem Vater gespielt hatte.
Sie kurbelt das Fenster ihres Renault Twingo herunter und genießt
den Fahrtwind, ihr Privatwagen. Damit liefert sie sich keine Verfolgungsjagden.
Überhaupt ist ihr Leben als Kriminalkommissarin viel unspektakulärer als in jedem ARD-Tatort. Aber sie verspürt eine merkwürdige Nervosität in der Luft, als sei
etwas Bedeutendes geschehen. Etwas, das die Aufmerksamkeit der Nation bald auf
Ostfriesland richten würde. Vier Männer werden in Norden brutal ermordet. Der
erste mit einem antiken Gewehr, der zweite mit einem Schwert, der dritte mit Pfeil
und Bogen und der vierte mit Gift. Alle waren sie Mitglieder im Regenbogen-Verein, einem Verein, der behinderte Menschen und ihre Angehörigen betreut. Und
der sich auch um deren finanzielle Belange kümmert. Gab es Unregelmäßigkeiten
bei den Einnahmen? Will der Täter den Verein auslöschen?
Alle Verbrechen geschehen aber nur in der Fantasie des Autors. Und der Leser.
»Doch auch wenn dieser Roman ganz in einer realen Kulisse angesiedelt ist, sind
die Handlung und die Personen frei erfunden«, sagt der Autor und schickt vorsichtshalber noch hinterher: »Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Organisationen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt. Sogar das
Hans-Bödecker-Gymnasium habe ich erfunden, weil ich der Meinung bin, dass es in
Ostfriesland längst ein Hans-Bödecker-Gymnasium geben müsste.« Dem großen alten
Mann der gleichnamigenLesestiftung hat er das Buch gewidmet (s. OMa 04/06). Für Ann Kathrin Klaasen
wird dieser Fall zu einer echten Bewährungsprobe. Aber auch für Klaus-Peter Wolf war
es eine: Denn der Roman war unter dem Titel »Das Ritual« bereits im Vorjahr fertig. Weil
der Verlag aber befürchtete, dass die Kommissarin mit der Handlung ihres ersten Falls
in einer Esoterik-Schublade landen könnte, musste der Autor die bereits fertige
Geschichte im vergangenen Jahr umschreiben.
»Kein Problem! Das passiert schon mal«, sagt er und strickte eine neue Story. Einverstanden war er zunächst allerdings nicht mit dem Titel »Ostfriesenkiller«.
»Zuerst war ich dagegen«, sagt er und fand ihn »zu reißerisch«, kann aber jetzt gut damit leben. »Ich freu mich drauf.« er ist vor allem auf die Reaktionen in seiner Wahl-Heimat gespannt. Faszination Regional-Krimi: Ein Viertel aller
verkauften Bücher im Bereich Belletristik sind Krimis. Ganz besonders derzeit begehrt: Krimis mit regionalem Inhalt. Das Genre ist zum zeitgenössischen Heimatroman geworden. »Am Ende wird meistens die Ordnung wiederhergestellt – da ist ein
Krimi fast wie ein Märchen«, sagt Wolf.
Klaus-Peter Wolf auf Lesereise:
18.07.2007
Bücherstube Eden, Hage
21.07.2007
Nordsee-Klinik Amrum