Ostfrieslandkrimis

Vier Morde in Norden:

Ann Kathrin Klaasen ermittelt.
»Ostfriesenkiller« heißt der erste Ostfriesland-Krimi von »Tatort«-Autor Klaus-Peter Wolf aus Norden. Holger Bloem (Text) hat sich auf Spurensuche begeben.

Mit geschlossenen Augen lag Alexa auf dem Sofa und stellte sich vor, wie es wäre, bei Ulf Speicher zu bleiben. Wenn aus dem Liebesabenteuer mehr werden würde als nur eine flüchtige Nacht. Mit ihm in diesem Haus im beschaulichen Norder Stadtteil Süderneuland zu wohnen. Er hätte bestimmt keine Probleme mit Markus. Wenn es überhaupt einen Mann gab, der mit behinderten Kindern umgehen konnte, dann Ulf. Das Haus war groß genug. Es hielt sie ohnehin nichts in Oberhausen. Sie hatte ihre Freunde verloren und ihre Arbeit. Eine bessere Betreuung gab es hier in Ostfriesland für Markus mit Sicherheit. Ihre Schwester würde das verstehen. Dann wäre auch sie endlich frei, um ein eigenes Leben zu führen. Alexa fragte sich, ob sie gerade dabei war, sich neu zu verlieben.
Irgendwo draußen knallte etwas. Das Klirren der Scheibe härte sie nicht. Doch dann prallte etwas mit voller Wucht auf den Boden. Erstaunt stand sie auf und ging zur Küche. Sie sah Ulf auf dem Küchenboden liegen mit einem kreisrunden Loch in der Stirn. Dann schrie sie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte.
Ihm klebt das Blut an den Fingern: Bestseller-Autor Klaus-Peter Wolf in seinem heimischen Arbeitszimmer im Distelkamp in Norden. Seit drei Jahren lebt der 53-Jährige in Ostfriesland.Nicht weit vom Tatort entfernt wohnt Klaus-Peter Wolf. Er hat schon oft gemordet und eine blutige Spur hinterlassen. Natürlich zählt er zu den üblichen Verdächtigen. »Einen wirklich Besessenen kann nichts aufhalten«, sagt er zu allem Überfluss auch noch über sich selbst. Für die ARD-Krimireihe »Tatort« beispielsweise hat er Auftragsmorde in Frankfurt am Main und in Ludwigshafen begangen.
Jetzt hinterlässt er seine erste grausame Spur – und es bleibt nicht die einzige! – also in Norden, seiner Wahlheimatstadt. Nordsee ist Mordsee. Vielleicht fühlt sich Klaus-Peter Wolf, Jahrgang 1954, gerade deshalb in der ältesten Stadt Ostfrieslands, in unmittelbarer Nähe zum Meer, so wohl. Denn Mord ist nicht nur sein Hobby, sondern er ist Beruf. »Ich lebe schließlich von Mord und Totschlag«, sagt der Schriftsteller und bekennt sich schuldig. »Und hier haben wir viele Impulse bekommen.«

Gern wäre sie noch ein bisschen weiter ins Moor gegangen, doch zu ihrem eigenen Schutz blieb sie auf den Holzbohlen. Das Moor konnte tückisch sein. Genau wie das Wattenmeer.»Ostfriesenkiller« heißt der Kriminalroman, den Klaus-Peter Wolf für den renommierten Fischer-Verlag geschrieben hat und der jetzt im April als 303 Seiten starke Taschenbuch-Version für 8,95 Euro in die Buchläden kommt: Mit dem Pilsumer Leuchtturm auf dem Buchcover. Seit gut drei Jahren lebt und arbeitet der namhafte Autor von Kinderbüchern, Romanen und Filmbüchern zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Autorin und Liedermacherin Bettina Göschl, in Norden.
Wolf gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern und zu den meistgefragten Drehbuchautoren des Landes. Seine Femsehfilme sind Quotenhits. Über 80 Kinderbücher, Jugendromane, Krimis und Psycho-Thriller mit einer Auflage von knapp acht Millionen Exemplaren in über 20 Ländern sind mittlerweile unter seinem Namen erschienen – zunehmend mit ostfriesischem Einschlag wie beispielsweise in der neuen Jugendbuchreihe »Treffpunkt Tatort«.
Denn mittlerweile sind sie heimisch geworden in Norden. Sogar seine Mutter zog aus dem Rheinischen in die Küstenstadt. Und das Zuhause entdecken sie oftmals mit angereisten Freunden immer wieder aufs Neue – zum Beispiel während eines Urlaubs auf Juist. »Mit den Inseln vor der Nase, das ist doch der Wahnsinn«, schwärmt Klaus- Peter Wolf immer noch. Gerne lassen sie den Blick über das flache Land schweifen und sich dazu den Wind ins Gesicht blasen, am liebsten auf der Nordseeinsel Juist, die, so Wolf, »wie die Karibik ist, nur ohne die Scheiß-Palmen!«

Beide entwickeln ihre Ideen am liebsten in der unaufgeregten Natur. »Wenn wir hier heraufziehen, ziehen wir ins Paradies.« Sie glauben fest an die Magie des Ortes und lassen dafür Freunde und Familie zurück. Sie hatten es im Gefühl, dass da viel fließt. Zuerst die Tinte – und dann das Blut. Und – wie sein erstes noch ahnungsloses Mordopfer Ulf Speicher – bereut er es bisher nicht, an die Nordsee gezogen zu sein.
»Ich muss erst alles erleben, ja erleiden, bevor daraus ein Buch wird«, sagt Klaus-Peter Wolf vieldeutig. So war er – wie Ulf Speicher – einige Jahre in der Behindertenhilfe engagiert. Für den ersten Fall der Norder Kommissarin Ann Kathrin Klaasen hat er das Ewige Meer ins Meerhusener Moor verschoben, fiktive Menschen auferstehen und wieder sterben lassen und in direkter Nachbarschaft ein Haus erbaut, denn Klaus-Peter Wolf wohnt – wie seine Kommissarin – im Norden von Norden, im sogenannten Getreideviertel. Keine tausend Meter Luftlinie vom Deich entfernt. Auch er muss am Kornweg und am Haferkamp vorbei, um dann schließlich sein Auto auf die große Auffahrt im Distelkamp zu lenken, eine Hausnummer 13 sucht man dort allerdings vergebens.
Aber die Polizeinspektion Aurich, der Klaus-Peter Wolf zu Beginn seiner Recherche eigens einen Besuch abstattete, um eine möglichst authentische Geschichte zu erzählen, die Landschaft, Fähren, Häuser und Restaurants gibt es in Ostfriesland tatsächlich: So lässt der Autor seine Opfer durch das schmatzende Watt waten. Schickt seine gestresste Kommissarin nach Neßmersiel, um dort dem Sonnenuntergang im Meer zuzusehen und um ihre Gedanken zu ordnen. Ann Kathrin kann hier bei einem hausgemachten Kartoffeleintopf die Füße ausstrecken und sich für einen Moment sicher fühlen. Hier ist die Welt einfach und schön. Das Böse, die komplizierte Zivilisation, bleibt draußen.

Die Wasserlachen im Watt glitzerten, als hätte das Meer bei seinem letzten Besuch einen Teppich aus Diamanten hinterlassen. Was ist das für eine Figur, diese Ann Kathrin Klaasen, die neben den Mordfällen zudem schwerwiegende private Probleme lösen muss und vor den Scherben ihrer gescheiterten Ehe steht? Sie ist keine unattraktive Frau, ist seit 15 Jahren glücklich verheiratet. Eigentlich. Im Moment aber fühlt sie sich von ihrem Mann betrogen und belogen. Ausgenutzt. Sie fühlt sich nicht wie 31, sondern eher wie 41. Sie trägt weite Pullis und geht nicht mehr zum Friseur. Und sie hört auf, Make-up zu benutzen. Sie lebt gerne in Norden, atmet jedes Mal tief ein, wenn sie mit dem Auto zwischen den Windmühlen hindurchfährt, wie durch ein Stadttor. Der Anblick wirkt beruhigend, wie der Anblick des Meeres.
Dann die Riesen-Doornkaatflasche. Die nimmt sie jedes Mal ganz bewusst wahr. Andere Städte haben Reiterdenkmäler. Irgendwelche Könige oder Feldherren. Norden hat die Doornkaatflasche. Sie belächelt dieses grüne Monstrum. Es erinnerte daran, dass Doornkaat der Lieblingsschnaps ihres Vaters gewesen war. »Doornkaat«, hatte der immer verkündet, als sei es eine tiefe philosophische Weisheit, »muss man kalt trinken: Eiskalt!« Ann Kathrin Klaasen trank selten Schnaps, aber wenn, dann einen eiskalten Doornkaat. Sie bewahrte Flasche und Gläser an der gleichen Stelle auf wie einst ihr Vater. Wenn sie sich – genau wie er früher – im Stehen vor dem Kühlschrank einen eingoss und ihn runterkippte, dann sagte sie jedes Mal: »Prost, Paps.«
Von ihrem Vater hatte sie auch gelernt, dass man auf Schleichwegen oft besser zum Ziel kommt als über die großen Straßen. Sie liebt Ostfriesland: Die Felder weit und ohne Zäune. Sie mag die saftigen Wiesen, in denen die Köpfe von Löwenzahn leuchten wie kleine gelbe Sonnen. Erinnerungen aus ihrer Kindheit kommen in ihr hoch. Wie sie in solchen Wiesen mit ihrem Vater gespielt hatte.

Sie kurbelt das Fenster ihres Renault Twingo herunter und genießt den Fahrtwind, ihr Privatwagen. Damit liefert sie sich keine Verfolgungsjagden. Überhaupt ist ihr Leben als Kriminalkommissarin viel unspektakulärer als in jedem ARD-Tatort. Aber sie verspürt eine merkwürdige Nervosität in der Luft, als sei etwas Bedeutendes geschehen. Etwas, das die Aufmerksamkeit der Nation bald auf Ostfriesland richten würde. Vier Männer werden in Norden brutal ermordet. Der erste mit einem antiken Gewehr, der zweite mit einem Schwert, der dritte mit Pfeil und Bogen und der vierte mit Gift. Alle waren sie Mitglieder im Regenbogen-Verein, einem Verein, der behinderte Menschen und ihre Angehörigen betreut. Und der sich auch um deren finanzielle Belange kümmert. Gab es Unregelmäßigkeiten bei den Einnahmen? Will der Täter den Verein auslöschen?
Alle Verbrechen geschehen aber nur in der Fantasie des Autors. Und der Leser. »Doch auch wenn dieser Roman ganz in einer realen Kulisse angesiedelt ist, sind die Handlung und die Personen frei erfunden«, sagt der Autor und schickt vorsichtshalber noch hinterher: »Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Organisationen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt. Sogar das Hans-Bödecker-Gymnasium habe ich erfunden, weil ich der Meinung bin, dass es in Ostfriesland längst ein Hans-Bödecker-Gymnasium geben müsste.« Dem großen alten Mann der gleichnamigenLesestiftung hat er das Buch gewidmet (s. OMa 04/06). Für Ann Kathrin Klaasen wird dieser Fall zu einer echten Bewährungsprobe. Aber auch für Klaus-Peter Wolf war es eine: Denn der Roman war unter dem Titel »Das Ritual« bereits im Vorjahr fertig. Weil der Verlag aber befürchtete, dass die Kommissarin mit der Handlung ihres ersten Falls in einer Esoterik-Schublade landen könnte, musste der Autor die bereits fertige Geschichte im vergangenen Jahr umschreiben.

Sie mag die saftigen Wiesen, in denen die Köpfe von Löwenzahn leuchten wie kleine gelbe Sonnen. Erinnerungen aus ihrer Kindheit kommen in ihr hoch, Wie sie in solchen Wiesen mit ihrem Vater gespielt hatte. »Kein Problem! Das passiert schon mal«, sagt er und strickte eine neue Story. Einverstanden war er zunächst allerdings nicht mit dem Titel »Ostfriesenkiller«. »Zuerst war ich dagegen«, sagt er und fand ihn »zu reißerisch«, kann aber jetzt gut damit leben. »Ich freu mich drauf.« er ist vor allem auf die Reaktionen in seiner Wahl-Heimat gespannt. Faszination Regional-Krimi: Ein Viertel aller verkauften Bücher im Bereich Belletristik sind Krimis. Ganz besonders derzeit begehrt: Krimis mit regionalem Inhalt. Das Genre ist zum zeitgenössischen Heimatroman geworden. »Am Ende wird meistens die Ordnung wiederhergestellt – da ist ein Krimi fast wie ein Märchen«, sagt Wolf.

Klaus-Peter Wolf auf Lesereise:

18.07.2007
Bücherstube Eden, Hage

21.07.2007
Nordsee-Klinik Amrum

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  • Ostfrieslandkrimis – Vier Morde in Norden:
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    • Ostfriesland Magazin
    • April 2007